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FREI NACH WATZLAWICK:

"MAN KANN NICHT NICHT KOMMUNIZIEREN"

INFORMATIONSGESELLSCHAFT
Kommunikation und Information und dazu der Mensch als Individuum und als soziales Wesen, der darin balanciert.
Diese Bausteine in ihren Grundzügen zu kennen wird immer interessanter, denn Kommunikation ist nicht gleich Information. Und der Mensch ist weit weniger bewusst und individuell als er gerne denkt.

VERHALTENSÖKONOMIK
Hier finden sich Zusammenfassungen der Fachliteratur die sich aus den Bereichen Coaching, Pädagogik, Psychologie hin in die Neurobiologie und die Wirtschaft erstrecken.

COUNSELING
Alles ist guter, alter Wein in neuen Schläuchen.
Die Definition von Counseling baut auf dem gesammelten Wissen der Verhaltensökonomik auf.
Wir unterstützen damit gesunde Menschen mit Rat und Tat, in der Komplexität der Kommunikation und Information die besten Entscheidungen für sich selber zu treffen.

Von der Gehirnstruktur zur Persönlichkeit

Verhaltensökonomik Posted on 08/01/2017 11:42

Verhaltensökonomik Teil 2

Die Physiologie des Gehirns: Der Aufbau in 4 Ebenen

Eng umgrenzte Areale, mit ebenso eng umgrenzten Funktionen liegen grundsätzlich dem Aufbau des Gehirns zugrunde. Gleichzeitig finden sich aber funktionale Überlappungen – Dopplungen bzw. Redundanzen – so dass man vom modularen Aufbau des Gehirns spricht.
Diese „Multi-Zentralität“ der Gehirnfunktionen (wie unter Teil 1) beschrieben, findet sich auch beim Phänomen der Persönlichkeit wieder: das heisst, praktisch das gesamte Gehirn ist an der Bildung der Persönlichkeit beteiligt.

Mit einer gewissen Vereinfachung lassen sich 4 funktionale Gehirnebenen unterscheiden, auf denen die unterschiedlichen Komponenten der Persönlichkeit angesiedelt sind.
Diese machen uns als Mensch so unglaublich vorhersagbar und ähnlich (dass wir in Sinus-Studien in Typen geclustert werden können und neuerdings in der Psychometrik sogar individuell steuerbar werden) – aber gleichzeitig auch so einzigartig und unberechenbar in unserer Persönlichkeit.

Die vegetativ- affektive Ebene als Kern und unterste Ebene

Sie entsteht von allen Ebenen (ab der 7. Schwangerschaftswoche) am frühesten. Die Vorgänge auf diese Ebene sichern (über die Kontrolle des Stoffwechselhaushalts, des Kreislauf-, Verdauungs- und Hormonsystems und des Wachens und Schlafens und der damit verbundenen Bewusstheitszustände) unsere biologische Existenz.

Ebenso werden durch diese Ebene die spontanen Verhaltensweisen und Empfindungen wie Angriffs- und Verteidigungsverhalten, Paarungsverhalten, Flucht- oder Agressionspotiential gesteuert.

Kurz gesagt: die von dieser Ebene ausgehenden Antriebe und Affektzustände bilden unser stammesgeschlichtliches Erbe. Wir teilen diese Triebe mit allen Primaten und darüber hinaus mit allen Säugetieren. Die hier angelegten Funktionen – und man kann diese affektiven Grundzustände quasi auf Knopfdruck auslösen – bestimmen in ihrer individuellen Ausformung das Temperament und die individuelle, grundlegende Triebstruktur jedes Menschen.

Wichtig hier: dieser Teil des Gehirns hält unseren Körper am Leben, auch wenn alle anderen Kontrollzentren ausfallen.
Er ist weitgehend genetisch bedingt und durch Erfahrung oder willentliche Kontrolle nur wenig beeinflussbar.

Die zweite, darüber liegende Ebene der emotionalen Konditionierung

Diese Ebene ist mit der erfahrungsabhängigen Verknüpfung negativer oder neuartiger Ereignisse mit Gefühlen der Furcht, Angst oder Überraschung befasst.

Auf der einen Seite lernen wir über die Amygdala gesteuert und meist unbewusst, wovor wir uns fürchten und in Acht nehmen müssen. Grundlage der Konditionierung ist die Vernüpfung mit den Sinnesorganen und Informationen über den Körper und Umwelt, die nach gut/ oder schlecht, positiv oder negativ bewertet – und entsprechenden Gefühlen! – fest verbunden werden.

Interaktionspartner und gleichzeitig Gegenspieler zur Amygdala ist das mesolibische System, das Lustgefühle auslöst und uns nach Spass, Freue und Lust streben lässt. Es ist Teil unseres Motivationssystems, weil es über die Funktion der Belohnungseinschätzung und Belohnungs-Erwartung auch ein Teil des Belohnungssystems anspricht.

Wichtig hier: dieser Teil des Gehirns entwickelt sich ebenso recht früh, ist aber im Gegensatz zur 1. Ebene durch Erfahrungen beeinflussbar.
Dieser Einfluss findet entweder durch plötzliche starke emotionale Ereignisse statt oder durch langsame, aber stetige Einwirkungen.Diese sogenannten emotionalen Konditionierungen sind wiederum nur durch emotionale Erfahrungen zu korrigieren. Also nicht durch Belehrung oder Einsicht. Und dies nur im Rahmen unseres individuellen Temperaments – und durch die Zufälligkeiten im Leben mit einen sehr, sehr großen Spielraum.

Diese zwei Ebenen repräsentieren gemeinsam die unbewusste Grundlage unserer Persönlichkeit und des Selbst.

Darüber liegen (nebeneinander) zwei weitere Ebenen.

Die individuell-soziale Ebene

Diese dritte Ebene umfasst die libischen Areale der Großhirnrinde: hier treffen Faserbahnen aus allen limbischen Zentren zusammen und die hier weitergeleiteten Informationen können damit bewusst werden.
Umgekehrt ziehen von hier Faserbahnen zurück in die limbischen Systeme, die überwiegend hemmende und zügelnde Funktionen haben.

Es geht auf dieser rechtshemisphärischen Ebene generell um die Steuerung vom Sozialverhalten, Einschätzung von Konsequenzen des eigenen Verhaltens, um die Steuerung von Aufmerksamkeit und um Schmerz- und Verlustbewertung.
Hier ist die emotionale Gesichtererkennung (als Grundlage der Empathie) verortet, ebenso wie die Verarbeitung komplexer sozialer Signale und Geschehnisse. Wir verorten an dieser Stelle des Gehirns ebenso die sozialen Spielregeln, das Prinzip von Geben und Nehmen aber auch die Impulshemmung.

Auf dieser Ebene geht es allgemein um unser Gefühlsleben. Hier ist die Grundlage unserer bewussten, individuellen Ich-Existenz und damit auch der entscheidende (und einzige) Einflussort von Erziehung.

An dieser Stelle ist das Lernen verortet, uns den Bedingungen der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt anzupassen.
Diese Ebene ist wesentlich dynamischer als die Ebenen darunter – und auch im späten Leben sind wir in der Lage, uns in unserem Verhalten immer wieder an eine neue Umgebung anzupassen.

Die kognitiv-kommunikative Ebene

Den genannten drei Ebenen steht eine weitere Ebene gegenüber, die über einen langen Zeitraum bis ins Erwachsenenalter hinein entsteht.

Sie umfasst das Arbeitsgedächtnis, den Verstand und die Intelligenz. Ebenso gehören zu diesem Teil die verschiedenen Sprachzentren.
In dieser linken Hemisphäre sind alle Areale angesiedelt, die das verstandsbegleitete Umgehen mit sich selbst und der Umwelt betreffen. Darunter gehört z.B. die Fähigkeit zum Problemlösen, dem Erkennen von Schriftzeichen, Geometrie und Mathematik.

Diese 4. Ebene entwickelt sich parallel zur Vorhergehenden, nur schneller: bereits Kinder können schon sehr intelligent sein – während ihr Gefühlsleben und ihre Sozialisation noch gering ausgebildet ist.

Diese Trennung von Verstand und Vernunft (bzw. sozialen Gefühlen) erst ermöglicht uns, Mitleid und Anteilnahme auszudrücken. Wir können uns Anderen so präsentieren, wie wir gesehen werden wollen – und nur dies ermöglicht ein gesellschaftliches Zusammenleben.
Ein weiterer Vorteil der Trennung von Verstand und Vernunft ist, vorausschauend planen zu können, und uns vorzustellen „was wäre wenn…“.

Diese vierte Ebene ist die am meisten dynamische und veränderbare Ebene. Wir können uns sehr schnell Wissensinhalte aneignen und in der Art unserer Kommunikation schnell an unterschiedlichste Situationen anpassen. Das macht uns (kurzfristig und oberflächlich) sehr flexibel.
Damit ist aber umgekehrt die Wirksamkeit auf andere auf dieser Ebene aber auch begrenzt: „Das eine ist, was ein Mensch sagt. Das andere, was ein Mensch fühlt und tatsächlich auch tut.“

Reden ist etwas anderes als Fühlen und Handeln.


Die ersten beiden Ebenen bilden das unbewusste Selbst und damit die unbewusste Grundlage der Persönlichkeit. Und diese Ebene bleibt ein Leben lang egoistisch-egozentrisch und stellt immer die Frage „Was habe ich davon“ und ist, so Roth, „das Kleinkind in uns“. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 92f.)

Die oberen beiden Ebenen Verstand und (soziale) Vernunft sind weniger miteinander verknüpft als die unteren Ebenen. Und dies auch wesentlich weniger als man erwarten würde.

Was noch erstaunlicher scheint: „die kognitiv-kommunikative Ebene ist am Weitesten von der Persönlichkeit und von der Handlungssteuerung entfernt.“ (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 95).

Es gibt hier überraschend wenig funktionale Verbindungen, obwohl beide Ebenen eng benachbart sind.
„Wir stoßen hier auf eins der merkwürdigsten Dinge der menschlichen Persönlichkeit, nämlich das mögliche Auseinanderfallen von Verstand und Vernunft. Diejenigen Hirnzentren, die für Verstand und Intelligenz zuständig sind, haben mit denjenigen Zentren, die unsere soziale Vernunft steuern, wenig Kontakt. Ein intelligenter Mensch muss nicht vernünftig sein.“ (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 101)
Wer würde dem nicht zustimmen.

Das Modell von G. Roth beendet die Diskussion um „Anlage“ versus „Sozialisation“ bei der Persönlichkeit des Menschen. Unsere Persönlichkeit ergibt sich durch eine Wechselwirkung der 4 genannten Ebenen. Diese Faktoren durchdringen einander und sind, wenn überhaupt, nur schwer methodisch voneinander zu trennen. „Wir sind genetisch, entwicklungsmäßig, in unserer Prägung und unserer Sozialisation einmalig.“ (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 105) – aber darin sehr, sehr ähnlich.

Und mit dieser Feststellung haben wir nun final das Feld der Verhaltensökonomen betreten: zu verstehen, wie wir Menschen grundsätzlich funktionieren.
Damit wir auch persönlich unsere individuellen Vorurteile und Neigungen bewusster wahrnehmen können. Und damit bessere Entscheidungen für uns, im Zusammenleben und insbesondere im beruflichen Kontext treffen können.


Wer bin ich und wenn ja wieviele.

Der Aufbau und die Funktion unseres Gehirns zeigt auch von der Neurobiologie her, was wir bereits in der pädagogischen wie auch in der Coaching-Literatur nachlesen können:

Persönlichkeitsmerkmale von Menschen lassen sich in ähnlichen Faktoren beschreiben und zeigen.

ICH bin dabei aber eine Facette an Einflussgrößen – wie sie durch die „Big Five“ (Asendorpf, Neyer: Psychologie der Persönlichkeit), durch das „innere Team“ (Schultz von Thun) oder die „heimlichen Begleiter“ (Corssen) bezeichnet werden. Oder der oben zitierte Buchtitel sagt.

Wir sind eine Summe an Persönlichkeit – und je nach Situation kommen Facetten zum tragen, die wir an uns mögen oder nicht leiden können. Immer sind wir aber – in Summe – in unserer Individualität beeinflussbarer und berechenbarer als wir es gerne hätten. Unser Bewusstsein macht eine Einheit daraus und glättet Unstimmigkeiten – dazu findet sich Vielfältiges unter dem Punkt (Un)Bewusstsein in diesem Blog.
Dies zu akzeptieren und für sich persönlich zu nutzen kann ich warm empfehlen.

Der kurze Schritt zur Psychometrie

Mit den neuesten Ergebnissen zur Psychometrie (- siehe den Artikel zur Wahl von D. Trump (https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/) -) wird nun die Verknüpfung dieses Wissens mit den Big Data in seiner gesamten Bandbreite deutlich.

Wer Angst hatte vor dem „gläsernen Verbraucher“ oder der „Manipulation durchs Marketing“ wird einer neuen, unabsehbaren Dimension der externen Beeinflussung belehrt.

Womit ich auf die Blogs hier zum Thema Information und Kommunikation verweisen möchte.
Mit dieser Basis haben wir vielleicht noch eine Chance, uns menschlich und intelligent als Verbraucher dieser Entwicklung entgegen stellen zu können.



Willkommen in der Verhaltensökonomik

Verhaltensökonomik Posted on 07/01/2017 23:19

Gehirn, Verhalten, Persönlichkeit
Teil 1

Hirnforschung trifft auf Verhaltensforschung
Unsere „Software“ – sei es als Bewusstsein oder Unbewusstsein – wird in einem großen Themenspektrum zwischen Psychologie und Therapie über Pädagogik, Coaching-Trends bis hin zur Managementliteratur behandelt, gehegt und gepflegt.

Wie leistungsfähig wir sind, also wie enorm groß die Datenvolumina sind, die wir unbewusst und bewusst verarbeiten, haben wir separat schon betrachtet.

Aber worauf baut diese Software?
Was sind die Bausteine und Grundfunktionen, die uns handeln lassen, die also erst „Bewusstsein“ und „Unbewusstsein“ ermöglichen und unsere Persönlichkeit ausmachen?

Ein Blick auf unsere „Hardware“ – das Gehirn
„Die Grundauffassung der modernen Hirnforschung lautet, dass alles, was wir tun, unabtrennbar mit den Strukturen und Funktionen unseres Gehirns zu tun hat (…) – und damit auch die Verankerung der Persönlichkeit im Gehirn.“ (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 33)

Im Rahmen der Verhaltensforschung hat sich gezeigt, dass das Verhalten und das geistige Vermögen des Menschen längst nicht so einzigartig ist, wie wir gerne meinen.
So bleiben unter dem Strich nur 2 Dinge, die uns Menschen von „den anderen Tieren“ wirklich hervorheben (siehe G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 34):
– die Fähigkeit Handlungen mittel- und langfristig zu planen und
– die syntaktisch-grammatikalische Sprache.

Selbst das Vermögen, sich in andere hinein zu versetzen, ist ebenso bei unterschiedlichsten Tieren (wie Vögeln, Elefanten, Walen oder Delfinen) entwickelt – vergleichbar bis zu dem Entwicklungsstand eines 3-4jährigen Kindes.

Die geistige Überlegenheit des Menschen scheint daher auf einer einzigartigen Kombination von Merkmalen zu beruhen:
einer sehr guten Handlungsplanung, bewusstem Denken, Kooperativität und Sprache (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 35).

Woher kommt das – also was ist die Basis dafür?
Schauen wir dazu genauer auf die Physiologie, also die Strukturen, die Funktionsweise und den Aufbau unseres Gehirns.


Aufbau und Verbindungen – hilfe, ich lerne…
Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen, die hirneigene elektrische und chemische Signale aufnehmen und abgeben – und die in einem System der Informations-Verarbeitung miteinander verwobenen sind.

Die Signale erhalten die Nervenzellen über die Sinnesorgane und geben sie über Muskeln, Haut und Drüsen wieder ab. Die elektrische Informationsverarbeitung ist dabei die schnelle und einfache, die chemische die langsame und komplexe Verarbeitung. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 54)

Nervenzellen besitzen dabei Eingangsstrukturen (sogenannte Dendriten) über die sie Erregungen aufnehmen und Ausgangsstrukturen, die aus langen, dünnen Nervenfasern bestehen (Axone genannt).
Die Kontakte zwischen Nervenzellen finden über Synapsen statt. Jede Nervenzelle ist über diese Synapsen mit abertausenden anderen Nervenzellen verbunden, die entweder rein elektrisch oder kombiniert elektrisch-chemisch funktionieren.

Im einfachsten Fall wird das von einer Zelle kommendes Signal unverändert an die nachgeordneten Zellen weitergegeben.
In viele Fällen aber ändern die Synapsen ihre Übertragungseigenschaften dabei – und haben damit Verstärkungs- oder Filtereigenschaften.

Unter bestimmten Umständen verändert sich dabei die Verknüpfungsstruktur zwischen den Zellen.
Diese Vorgänge verändern dann auch die Funktion der Netzwerke – sei dies durch Wahrnehmung, beim Denken, bei der Gedächtnisbildung, bei Gefühlen oder bei der Handlungs- oder Bewegungssteuerung. Die Strukturen ändern sich: wir lernen. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 56)


Effizienz: Ausreifung in Schüben, Eliminierung und der Bau von Datenautobahnen
Wichtig für die Funktion des Gehirns ist also nicht nur die Bildung der Nervenzellen, die beim Menschen bereits bei der Geburt im wesentlichen abgeschlossen (!) ist, sondern vor allem die Ausbildung von Dendriten und Axonen.

Diese Ausbildung beginnt ca. ab dem 5. Schwangerschaftsmonat, steigt mit der Ausbildung von Dendriten nach der Geburt noch einmal massiv an, und wird mit ca. dem 1. Lebensjahr maximal erreicht.
Anschließend geht die Anzahl der Synapsen wieder zurück – und das stabile erwachsene Niveau wird durchschnittlich zur Pubertät erreicht.

Das Hauptprinzip der Entwicklung der Verknüpfungsstruktur besteht darin, dass anfänglich viel mehr Synapsen ausgebildet als später gebraucht werden. Das heisst, es findet zuerst eine Überproduktion und dann eine drastische Reduktion statt. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 58).
Man nimmt an, dass es zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Milliarden von Synapsen kommt, der um Nährstoffe und auch um neuronale Reize geführt wird.
Bei der „Versorgung“ spielen dabei sowohl intern generierte, als auch aus der Umwelt stammende Reize eine große Rolle: erhält eine Synapse zu wenig davon, stirbt sie ab.

Zu Beginn unseres Lebens sind also diffuse, synaptische Verknüpfungen angelegt, die dann durch den Konkurrenzkampf reduziert werden – und damit das jeweilige Netzwerk effizient gemacht wird. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 59)

Ein weiter Faktor der Bildung der Struktur im Gehirn ist die Myellinisierung von Nervenfasern.
Hierbei bildet sich um ein Axon eine Myellinscheide aus. Diese ermöglicht eine deutliche (z.T. hundertfach) schnellere Fortleitung von Aktionspotenzialen – ohne die unsere hohe kognitive Leistungen nicht möglich wären. Es entstehen quasi „Glasfaserkabel“ im Gehirn auf vielgenutzten Bahnen. Was parallel an Bahnen nicht grundsätzlich genutzt oder bedient wird, wird kosequent gelöscht.
Diese Myellinisierung beginnt bereits vor der Geburt und findet erst mit dem Erreichen des Erwachsenenalters allmählich ein Ende. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 60)

Das heisst, das Gehirn eines Neugeborenen besitzt bereits alle Furchen und Windungen des ausgereiften Gehirns. Die gewaltige Massezunahme bis zum Erwachsenenalter geht dann vornehmlich auf das Längenwachstum der Dendriten und die Myelinisierung der Axione – und der Blutgefäße zur Versorgung – zurück. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 61)
Jeder von uns hat diese individuelle Entwickung gemacht. Bei jedem Kind ist sie zu sehen.
Reize, Vorlieben und Erfahrungen prägen die angelegten Netzwerke in unserem Gehirn, die wir dann später aufbauen und ausbauen.
Entsprechend der anatomischen Entwicklung reifen auch die Sinnessysteme zu unterschiedlichen Zeiten aus.

Zusammengefasst gilt, dass das System zur Verhaltenssteuerung (= im limbischen System) sich bereits frühgeburtlich ausbildet.
Das Bewusste Ich ( =getragen durch das corticale System) reift hingegen erst nach der Geburt und dann bis ins Jugendalter.
Abschließend findet in der Pubertät – auf etwas niederem Niveau – der Prozess der Überproduktion und Elimination ein drittes Mal statt.
Die anatomische Entwicklung des Gehirns und die Dynamik der „Verdrahtung“ verläuft also in Schüben, und in diesen 3 Phasen ist das Gehirn besonders empfindlich und prägsam gegenüber Umwelteinflüssen.

Neben der Ausbildung und zeitlichen Festigung der Strukturen im Gehirn hat die Forschung festgestellt, dass grundsätzliche Funktionen im Gehirn an festen Orten verankert liegen. Diese sind evolutionär verortet und werden in der persönlichen, individuellen Entwicklung auf- und ausgebaut.

Daher folgt im nächsten Blog ein weiterer Blick auf diese Orte und Ebenen im Gehirn des Menschen.


Einzigartig stark:
Module, vernetzt und redundant
Es gibt heute keinen Zweifel mehr daran, dass es im Gehirn anatomisch eng umgrenzte Areale gibt, die ebenso eng umgrenzte Funktionen haben. Man spricht deshalb von „strukturell-anatomischen Modulen“ und vom modularen Aufbau des Gehirns und seiner Funktionen.

Komplexe Abläufe (wie das Sehen, Hören, Handlungsplanung, Furcht oder Gedächtnis) beruhen dabei aber immer auf gleichzeitigen oder aufeinander folgenden Aktivitäten von vielen einzelnen Zentren.
Hinzu kommt, dass die lokalisierbaren Areale und Kerne häufig funktionale Überlappungen mit anderen Kernen und Arealen haben.

Das Gehirn ist damit in vieler Hinsicht redundant. Und genau dies ist die Grundlage der großen funktionalen Plastizität, also der Veränderbarkeit. Und bildet die Überlegenheit des menschlichen Gehirns. (G. Roth, Persönlichkeit und Verhalten, S. 89)